Gordon-Bennett-Rennen weckt Avus-Phantasien
Oberflächlich betrachtet, könnte man dieses Rennen, wie viele danach, einfach registrieren und wieder vergessen. Tatsächlich aber bewegte es weit mehr. Der herrliche Mercedes-Sieg 1903 durch den Belgischen Reifenfabrikanten Camille Jenatzy, der für Deutschland fuhr, hat das große Rennen laut Reklement 1904 nach Deutschland geholt.
Dieses Internationale Rennen in Irland wollte Mercedes mit 90 PS-Rennwagen besteiten. Maybach war mit der Konstruktion Ende 1902 fertig, und im April 1903 waren die Wagen zur Erprobung bereit. Plötzlich brach in der Nacht zum 10. Juni 1903 ein Feuer in den Cannstatter Werksanlagen aus. Ob es Sabotage durch die Konkurrenz war, konnte nie geklärt werden. Das Feuer zerstörte auch die fertigen 90 PS-Wagen. In aller Eile holte man zum Teil von Kunden, die eben ausgelieferten oder bereitgestellten 60 PS-Simplexwagen. Man schickte die erbetenen Simpex, unter anderen den vom Bierbrauer Carl Dinkelacker auf dem Jenatzy Sieger wurde, zum Rennen nach Irland, wo sie zwei Tage vor Beginn eintrafen. Ergebnis: Camille Jenatzy siegte auf dem 60 PS- Mercedes-Simplex-Motorwagen und Mercedes gewann beträchtlich an weltweiter Popularität.
Die Welt zu Gast bei uns war das aktuelle Motto nach diesem von Deutschland gewonnenen Bennet-Gordon-Rennen. (James Gordon Bennett, Herausgeber des New York Herald, hatte die Rennformel kreiert). Alles schön, aber wo lassen wir sie fahren war die Frage , eine Rennstrecke gab es nicht. Im Taunus um Homburg wurden ein paar einigermaßen gerade, staubige Strecken ausfindig gemacht, die tauglich schienen. An einen deutschen Sieg 1904 war unter diesen Umständen kaum nicht zu denken, Jenatzy wurde tatsächlich nur Zweiter, hatte allerdings großes Glück, als ihn bei einem Bahnübergang ein Zug um Zentimeter verfehlte. Nach diesem Schock war seine Fahrkunst nie mehr so gut wie vorher. 1913 starb er bei einem Jagdunfall durch einen verirrten Schuss.
Allen wurde klar wir brauchen eine Training- und Versuchsstrecke, also eine AVUS, die auch zu Rennzwecken genutzt werden könnte. Aber wo bauen wir sie? Zuerst wurde wieder an den Taunus gedacht. Der Benz-begeisterte Preußen-Prinz-Heinrich brachte Berlin ins Gespräch und fand allgemeine Zustimmung. Berlin mit dem größten Automobilaufkommen im Reich usw. ließ es am wahrscheinlichsten erscheinen, dass sich so eine AVUS GmbH rechnen würde. Nach allergrößten Schwierigkeiten, und dem 1. Weltkrieg der noch dazwischen kam, wurde die AVUS gebaut, wenn auch in verkürzter Version. Nicht wie geplant bis zum Teltowkanal, sondern nur bis Beelitzhof. Später wurde sie in das Reichsautobahnnetz integriert, blieb aber weiter eine selbstständige Rennstrecke mit Tribüne und von 1937-1967 mit 44° steiler Nordkurve.
Der besagte Prinz Heinrich 1862 – 1929, der jüngere Bruder vom Kaiser Wilhelm II. war vollkommen unpolitisch, nach dem Zusammenbruch der Monarchie 1918 wurde er auch nicht von den Berlinern verjagt. Er musste auch nicht nach Holland fliehen, sondern konnte mit seiner Familie in das leere Haus seiner 1901 verstorbenen Mutter Kaiserin Friedrich nach Schleswig-Holstein ziehen. Der Prinz war Privat vom Automobil- und Segelsport sehr angetan, aber das ist ein neues Kapitel, “Die Prinz-Heinrich-Fahrten”. Den Scheibenwischer soll er auch erfunden haben. Letztlich sei angemerkt, bis in unsere Gegenwart erfreut sich seine Prinz-Heinrich-Mütze größter Beliebtheit, besonders an der Küste. Unser Ex-Kanzler Helmut Schmidt wäre ohne sie undenkbar gewesen. Immerhin war Prinz Heinrich als Großadmiral auch ein Mann mit dem zu identifizieren sich bis heute erhebende Gefühle verbinden.


20. Sep, 2006 
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